
Er ist bemittleidenswert, der kleine Waschbär Tollpatsch aus der Episode Der tollpatschige Waschbär der Kinder-Serie Yakari (S4E2). Alles, was er anfasst, geht schief. Er macht den Biberdamm kaputt, stört die anderen Flussbewohner – und die anderen Tiere weichen ihm aus, sobald er in die Nähe kommt. Doch Yakari, der schlaue kleine Sioux und Freund aller Tiere, findet durch seine Neugier, Hilfsbereitschaft und Empathie wie immer einen Weg, ihm zu helfen. Zunächst stellt er sich dafür die richtige Frage: Ist Tollpatsch wirklich so tollpatschig? Oder wird diese Eigenschaft dadurch verstärkt, dass alle – und inzwischen auch er selbst – es von ihm erwarten?
In der Psychologie beschreibt das Konzept des Labellings, deutsch: Etikettierung (Wikipedia), wie Zuschreibungen das Selbstbild und das Verhalten von Menschen formen können. Ein Label ist dabei mehr als ein harmloser Spitzname: Es wird zur Erwartung, zur Rolle, schließlich zur gelebten Identität. Wer ständig als „Zappelphilipp“, „Träumerin“ oder „schwierig“ bezeichnet wird, passt sein Verhalten unbewusst an dieses Bild an – eine selbsterfüllende Prophezeiung. Empirisch erforscht wurde dieses Phänomen als Rosenthal-, oder auch Pygmalion-Effekt (Wikipedia): In Experiemten schnitten Schulkinder, von denen Lehrkräfte höhere Leistungen erwarteten, am Ende des Schuljahres tatsächlich besser ab – obwohl die Erwartung künstlich erzeugt worden war und nicht auf deren echter Leistungsfähigkeit beruhte. Nicht die Fähigkeit hatte sich verändert, sondern die Haltung derer, die mit ihnen umgingen: mehr Zutrauen, mehr Geduld, mehr positive Verstärkung.
Ein Label beschreibt die Person und lässt die Eigenschaft oder Verhaltensweise als unveränderbar erscheinen: „Du bist tollpatschig“. Eine verhaltensbezogene Rückmeldung hingegen würde eher die Situation und ihre Umstände beschreiben: „Du hast den Damm dabei aus Versehen kaputt gemacht, weil Du aufgeregt warst“. In diesem Fall entsteht ein Vorstellungsraum für Veränderung.
Yakari erkennt, dass hinter dem Chaos, das Tollpatsch verbreitet, eine andere Absicht steckt, die niemand würdigt. Um den Teufelskreis aus Zuschreibung und selbsterfüllender Prophezeiung zu durchbrechen, fällt Yakari schließlich die entscheidende Lösung ein: Er gibt dem Waschbären kurzerhand einen neuen Namen! Er nennt ihn „Wachsames Auge“ – und beschreibt damit nicht das Scheitern, das alle gesehen haben, sondern eine Qualität, die er in ihm entdeckt hat. Eine Fähigkeit zur Aufmerksamkeit, die bislang im Chaos untergegangen war.
Was folgt, ist kein Wunder, sondern Psychologie: Der Waschbär verhält sich am Ende der Geschichte tatsächlich achtsamer. Nicht weil sich seine Aufmerksamkeit oder motorische Koordinationsfähigkeit durch den neuen Namen schlagartig fundamental verändert hätten, sondern weil sich verändert hat, wie er gesehen wird, und damit, wie er sich selbst sieht. Die positive Variante des Pygmalion-Effekts!
Diese Botschaft ist wertvoll für uns alle. Labels wie „faul“, „toxisch“ oder „schwierig“ erklären nichts. Sie schaffen eine trügerische Scheinklarheit und verengen die Perspektive, bevor man überhaupt wirklich hingeschaut hat. Gerade durch die, grundsätzlich zu begrüßende, zunehmende Entstigmatisierung von psychischen Symptomen und Störungen, entstehen aus psychiatrischen Diagnosen, die für die Fachkommunikation im Rahmen von Therapien gedacht waren, neue Alltagskonzepte, die, oftmals leichtfertig und unwissenschaftlich, als Labels zur Selbst- oder Fremdetikettierung verwendet werden: „Hyperaktiv“, „narzisstisch“, „hochsensibel“, „people pleaser“… . Natürlich kann die Auseinandersetzung mit psychologischen Theorien und Konzepten hilfreich für die Selbstreflexion sein, aber wir sollten damit sehr vorsichtig und achtsam sein, angesichts der Gefahr von vorschneller Etikettierung und oberflächlicher scheinbarer Gewissheit, die letztlich einen Umgang mit bestimmten dysfunktionalen Gefühlen oder Verhaltensmustern eher erschwert, als diese wirklich individuell erklärt und damit Selbstwirksamkeit und Veränderungsmotivation erzeugt.
Yakari zeigt uns, wie wir dabei vorgehen können: Der erste Schritt ist, die eigenen Labels zu bemerken, die wir aussprechen oder still denken. Ist das, was ich gerade über diese Person denke, eine sachlich adäquate Beschreibung ihres Verhaltens in dieser konkreten Situation? Oder ein fundamentales Urteil über ihre Persönlichkeit, ihren Charakter, ihr grundsätzliches Potenzial?
Wachsames Auge ist am Ende der Geschichte kein anderer Waschbär. Aber er hat eine neue Eigenschaft, ein bisher übersehenes Potenzial in sich erkannt, dass er nun nutzen kann, um an sich zu glauben und weiter an sich und seinem Verhalten zu arbeiten.