Todd Phillips‘ Fortsetzung Joker: Folie à Deux (2024) kam bei Publikum und Kritik nicht besonders gut an. Zu lang die Musiknummern, zu dünn die Handlung, zu ernüchternd das Ende. Doch wenigstens zwei Perspektiven auf den Film, lassen ihn nicht ganz uninteressant erscheinen: Als Bewunderer des Philosophen und Romanciers Albert Camus kommt man nicht umhin, deutliche Parallelen zu dessen Roman Der Fremde (1942) festzustellen. Und als Psychotherapeut fällt auf, dass Arthurs angebliche Dissoziative Identitätsstörung weit weniger eindeutig ist, als seine Verteidigerin behauptet.
„Ich habe nie behauptet, jemand anderes zu sein.
Ich bin immer ich selbst gewesen.“— Arthur Fleck, im Zeugenstand
Im Zentrum von Folie à Deux steht der Strafprozess gegen Arthur Fleck, der für die Morde des ersten Films zur Verantwortung gezogen werden soll. Die Verteidigungsstrategie seiner Anwältin beruht auf einer psychiatrischen Diagnose: Dissoziative Identitätsstörung. Der „Joker“ sei eine eigene, gleichsam von Arthurs Bewusstsein abgespaltene innere Teilpersönlichkeit, die der eigentliche Arthur nicht kontrollieren könne. Arthur selbst untergräbt diese Strategie, indem er im Laufe des Verfahrens zunehmend die narrative Hoheit über seine eigene Identität zurückfordert.
Diese Konstellation erinnert deutlich an Albert Camus‘ existenzialistischen Roman aus den 1940er Jahren. Auch dort steht ein Mann vor Gericht, der – zumindest nach Meinung seiner Ankläger – keine angemessenen Gefühle zeigt. Auch dort wird der Prozess zu einer Verhandlung nicht über die Tat, sondern über die Person.
Camus‘ Protagonist Meursault hat einen Mann erschossen – ohne ersichtlichen Grund, fast nebenbei, unter der sengenden Sonne eines algerischen Sommers. Im Prozess wird ihm jedoch dies weniger zum Verhängnis. Was ihn vielmehr verurteilt, ist seine außerhalb der normativen Erwartung liegende Emotionalität. Ähnlich, wie bei Arthur, wird im Prozess gegen Meursault weniger forensisch, als vielmehr psychologisch verhandelt. Er hat beim Begräbnis seiner Mutter nicht geweint. Er hat tags darauf eine Komödie besucht. Er bejaht das Leben, in Form von Sex, Sonne und Genuss, achtet es aber nicht auf die ehrfürchtige Art, die das Gericht erwartet.
„Man könnte sagen, dass man im Grunde immer ein bisschen schuld ist.“
— Albert Camus, Der Fremde
Das Verfahren gegen Meursault ist, in Camus‘ existentialistischem Sinne, ein absurdes Theater: Die Gesellschaft verhandelt nicht die Tat, sondern den Verstoß gegen ihr ureigenstes Bedürfnis, diese bzw. den Menschen dahinter, kausal einordnen zu können.
Arthur Flecks Prozess funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip – nur oberflächlich invertiert. Während Meursault zu wenig zeigt, zeigt Arthur zu viel: zu viel Lachen, zu viel Schmerz, zu viel Sehnsucht nach Anerkennung. Beide Male steht weniger die juristische Wahrheit infrage, sondern die Deutungshoheit über einen Menschen, der sich dem gängigen Rahmen entzieht.
Hierin können wir den gesellschaftlichen Wunsch erkennen, das Böse zu externalisieren – es aus der eigenen Mitte herauszulösen und in einem klar abgegrenzten Anderen zu verorten. Nicht wir sind zu Gewalt fähig. Nicht unsere sozialen Verhältnisse erzeugen Gewalt unter Menschen. Es muss etwas Fremdes, Pathologisches im Täter sein, dass ihn von uns unterscheidet.
Der französische Philosoph Michel Foucault argumentiert in Wahnsinn und Gesellschaft (1961), wie die moderne Gesellschaft Vernunft und Unvernunft nicht nur deskriptiv unterscheidet, sondern aktiv produziert: Durch Institutionen, Diskurse, diagnostische Kategorien. Der „Irre“ ist keine naturgegebene Tatsache, sondern das Ergebnis einer Zuschreibung, die die Gesellschaft vor sich selbst schützt. Wer ins Arkham Asylum gesperrt wird, hört auf, ein Spiegel zu sein. Das Unbehagen, das er auslöste, ist mit ihm verschwunden – eingeschlossen, klassifiziert, für unzurechnungsfähig erklärt.
„Der Wahnsinn ist nicht eine natürliche Wahrheit, die in dunklen Winkeln der Menschennatur wartet, um entdeckt zu werden. Er ist das Ergebnis einer gewissen Wahrnehmungsweise.“
— Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft
Genau diese Logik entfaltet sich im Gerichtssaal von Folie à Deux. Gotham hat ein Problem: Es hat einen Menschen hervorgebracht, der tötet – und der dafür von Teilen der Bevölkerung gefeiert wird. Das eigentlich Verstörende ist nicht Arthur allein, sondern was er sichtbar macht: die Verachtung, die Armut, die Unsichtbarkeit, die ihn erzeugt haben. Um das nicht verhandeln zu müssen, braucht die Gesellschaft eine andere Geschichte. Sie braucht eine psychiatrischen Diagnose. Die Dissoziative Identitätsstörung, so wie sie im Prozess eingesetzt wird, ist nicht nur eine medizinische Hypothese – sie ist ein gesellschaftliches Entlastungsangebot. Wenn der Joker eine eigenständige, kranke Persönlichkeit ist, die Arthur zeitweise überwältigt, dann ist das Böse klar lokalisiert: in einem pathologischen Anteil, der von der normalen Persönlichkeit abgespalten ist. Arthur selbst – der depressive, lachende, verletzte Mensch – wäre dann unschuldig und damit für das Selbstverständlich der Gesamtgesellschaft weniger verstörend.
Arthur durchkreuzt diese Strategie mit einer Geste, die so einfach wie radikal ist: Er sagt, dass er der Joker ist. Nicht als Geständnis einer Krankheit, sondern als Behauptung seiner Identität. Damit verweigert er der Gesellschaft genau das, was sie von ihm braucht: den Fremdkörper, den man herausoperieren und hinter sich lassen kann. Was bleibt, ist wesentlich unbequemer – ein Mensch, der unter bestimmten Bedingungen zu bestimmten Dingen fähig war. Ein Spiegel, in den niemand blicken möchte. Somit ist die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung (in der ICD-10 noch als Multiple Persönlichkeitsstörung unter F44.81 klassifiziert) v.a. eine juristische Strategie, die zudem ein unbewusstes soziologisches Bedürfnis bedient. Ob sie als klinisch-psychiatrische Diagnose Arthurs überzeugend ist, lässt sich nicht abschließend beurteilen, zumal das Krankheitsbild, die Symptomatik und deren Behandlung selbst in der Fachwelt nach wie vor diskuttiert werden (Übersichtsarbeit im aktuellen Deutschen Ärzteblatt). Für eine ausführliche Analyse von Arthurs Symptomatik sei auch auf den Gastbeitrag zum ersten Film Joker auf diesem Blog verwiesen.



