„Hier draußen wendest du dich dem Schmerz zu, wenn er dich zerreißt, und du lässt ihn. Und wenn du das tust, wird es dem Teufel langweilig. Er sucht sich eine andere Seele, um sie zu fressen. Und du darfst wieder leben.“– Elsa, 1883, S1E6 (Dem Teufel wird langweilig)
Meine Top 3 Serien 2024
Zum Ende des Jahres kommen hier meine persönlichen Top 3 Serien aus 2024
3. The Bear – King of the Kitchen (Disney+)
The Bear – Kind of the Kitchen ist kein leichter Genuss, sondern schwere, gehaltvolle Kost. Nicht nur auf der Inhaltsebene erzählt die Serie von traumatisierten und traumatisierenden Familienbeziehungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Auch „Look an Feel“ der Serie selbst, sind geprägt von Gefühlen, Erlebens- und Verhaltensweisen, die charakteristisch sind für Traumafolgestörungen, insbesondere sog. Entwicklungstraumata (also solche, die eher nicht durch ein katastrophal einschneidendes Ereignis, wie z.B. einen Verkehrsunfall oder eine Naturkatastrophe, sondern durch anhaltende belastende Bedingungen in der Kindheit, wie instabile, aggressive oder abwesende Bezugspersonen). Die Atmosphäre ist geprägt durch das ständige Erleben von Anspannung, Druck, Angst etwas falsch zu machen/zu versagen. Nicht selten entlädt sich diese Anspannung in impulsiver Aggression gegen andere oder sich selbst, was weitere Belastungen und schlimmstenfalls Traumata verursacht. Hauptcharakter Carmen (gespielt von dem von mir bereits als Lip in Shameless verehrten Jeremy Allen White) erlebt zudem noch regelmäßig Intrusionen (quälende Erinnerungen und innere Stimmen) als Folge seiner traumatischen Erlebnisse in einer Lehrküche. In der Psychotraumatologie nennt man den Zustand eines chronisch übererregten Nervensystems Hyperarousal (Wikipedia): Das Gehirn, welches in der Vergangenheit die Erfahrung immer wiederkehrender Bedrohung/Verletzung gemacht hat, bleibt permanent angespannt, um auf mögliche erneute Bedrohungen schnell mit Kampf- oder Fluchtverhalten reagieren zu können. Allerdings führt dies auf Dauer mit hoher Wahrscheinlichkeit zu diversen negativen Folgesymptomen, wie Nervosität/Hektik/Fehlern, erhöhter Schreckhaftigkeit und Kränkbarkeit, zwischenmenschlicher Aggressivität, Erschöpfung/Schlafstörungen/Burn-Out, kompensatorischem Substanzkonsum und am Ende gar Suizidalität. In The Bear werden uns diese tragischen Teufelskreise, das Leid das sie für alle Beteiligten bedeuten und die Anstrengung, die es bedarf, sich daraus zu lösen, nicht nur erzählt, sondern wir können sie regelrecht mitempfinden. Nicht wirklich ein Vergnügen und sicher nicht zu empfehlen für Menschen, die selbst komplex traumatisiert oder anderweitig akut psychisch belastet sind – aber ansonsten fesselndes, lehrreiches und faszinierendes Fernsehen.
2. Para – Wir sind King (Amazon prime)
Im Berlin-Universum des damals völlig zurecht gehypten deutschen Gangster-Epos 4 Blocks, spielt die Spin-Off-Serie Para – Wir sind King, bei der diesmal nicht starke Männer, sondern vier nicht minder starke junge Frauen im Mittelpunkt stehen. Diese haben mit allerhand gesellschaftlichen Benachteiligungen und Vorurteilen zu tun: Frau-Sein, Armut, Migrationshintergrund. Die Serie ist mit den vier großartigen Hauptdarstellerinnen, aber auch einer Vielzahl faszinierender Nebenrollen, erstklassig besetzt und schafft es so, überzeugend nicht nur die Lebensumstände, sondern auch die Gefühlswelt der Protagonistinnen zu erzählen. Dabei wird besonders deutlich, wie sehr das normabweichende und teils strafbare Verhalten der Vier, immer wieder aus dem Versuch entsteht, mit den materiellen, sozialen und emotionalen Folgen der bereits zuvor erfolgten Diskriminierung, Kränkung, Benachteiligung und Verletzung umzugehen, trotz diesen zu überleben. Hier zeigt sich uns der sozialpsychologische Etikettierungsansatz (bekannter als labeling approach, Wikipedia), nach dem normabweichendes, z.B. kriminelles, Verhalten eine Reaktion auf entsprechende Zuschreibungen als außerhalb bzw. unterhalb der Norm stehend sein kann. Als die Protagonistin Fanta zum Beispiel aggressiv auf die wiederholten subtil rassistischen Äußerungen ihres Lehrers reagiert, der sie aufgrund ihrer Hautfarbe als weniger intelligent und leistungsmotiviert vorverurteilt, scheint sich in ihrer Reaktion genau dieses Vorurteil zu bestätigen. Tatsächlich aber ist ihr Ausraster und der daraufhin fast folgende Schulabbruch nur richtig zu verstehen, wenn man die Belastungen kennt, denen Fanta zuvor durch den Lehrer ausgesetzt war. Gleiches gilt für die kriminellen Aktionen, welche die vier Mädchen immer wieder durchziehen müssen, um Para zu machen – Geld für sich, ihre Zukunft, ihre Familien aufzutreiben, in einer Gesellschaft, die ihnen von vornherein keine faire Chance gibt. Para – Wir sind King ist harter Stoff und konfrontiert die privilegierteren unter den Zusehenden mit der Nicht-Selbstverständlichkeit gesellschaftlicher Akzeptanz, materieller Sicherheit und unantastbarer Menschenwürde. Dabei ist die Serie aber auch spannend, witzig, elegant und lebendig – ein echtes Vergnügen.
1. Cobra Kai (Netflix)
Der Dauer-Fanliebling aller Kinder der 80er und 90er ging 2024 in die finale sechste Staffel (unnötigerweise auf drei Teile verteilt). Obwohl das Ganze insgesamt natürlich spürbar in die Länge gezogen wird und sich damit die immer selben Narrative wiederholen, ist gerade in der sechsten Staffel auch wieder alles dabei, was uns trotzdem begeistert dranbleien lässt: Action, Humor, Selbstreferenzen und 80er-Nostalgie. Über Cobra Kai habe ich schonmal hier auf dem Blog geschrieben und im Frühjahr 2025 – passend zur Veröffentlichung des letzten Teils der letzten Staffel – erscheint in einer Zeitschrift ein längerer Text von mir zum Thema, der dann auch hier verlinkt werden wird. In diesem Sinne: Cobra Kai Never Dies!
The Handmaid´s Tale: Trauma und Dissoziation
- Stabilisierung: In der ersten Therapiephase wird eine vertrauensvolle Beziehung zur Therapeut*in aufgebaut und es werden Strategien im Umgang mit der akuten Symptomatik erarbeitet, die der Patient*in helfen, sich im Alltag und v.a. in akuten psychischen Krisen, selbst effektiver zu stabilisieren, z.B. Entspannungsmethoden, effektives Einfordern sozialer Unterstützung, oder andere Skills.
- Exposition: In der zweiten Therapiephase, können, sofern die Patient*in sich dazu in der Lage fühlt, die traumatischen Erlebnisse, mit allen dazugehörigen psychischen Eindrücken (Erinnerungen, Gedanken, Sinneswahrnehmungen etc.) konkret besprochen und aus der schützenden Distanz der therapeutischen Situation bearbeitet werden. Dadurch soll die Dissoziation aufgelöst und das Erlebte psychisch integriert werden. Jetzt, wo die Patient*in gelernt hat, mit den Erinnerungen und Gefühlen selbstwirksam umzugehen, und Unterstützung und Halt durch die Therapie erfährt, kann das möglich sein, wovor die Dissoziation in der Situation des Traumas noch notwendigerweise geschützt hat.
- Integration/Neuorientierung: In dieser letzten Phase der Traumatherapie geht es darum, über die konkrete Symptomatik hinaus, einen Umgang mit dem Erlebten zu finden. Was bedeutet es, der Mensch zu sein, dem diese schrecklichen Dinge widerfahren sind? Wie kann mein Leben von diesem Punkt an weitergehen? Was gibt meinem Leben auch und gerade jetzt noch Sinn? Usw.
Joker: Im Kern ein Charakterdrama
Babylon Berlin: Gereon und die Hypnose
Um es gleich klarzustellen, ich fand Babylon Berlin großartig. Stimmt schon, am Anfang wähnt man sich kurz in einer dieser ungelenken Schauspielszenen einer ZDF-Historiendokumentation, aber ich glaube, dass ist nur eine Frage der Gewohnheit, denn bereits nach ein, zwei Folgen, entwickelt die spannende Geschichte mit ihren vielen interessanten und zum Teil psychologisch komplexen Figuren ihren Reiz und ließ zumindest mich nicht mehr los. Den Kritikpunkt, dass nicht alles historisch korrekt ist, finde ich irrelevant, da es sich ja nunmal nicht um eine Dokumentation handelt – und inwieweit die Darstellungen in House of Cards, Vikings oder Mindhuntervollständig mit der Realität korrespondieren, interessiert ja auch die wenigsten. Zudem scheint einiges doch auch recht realitätsnah dargestellt zu sein, zumindest wenn man dem sehr interessanten Podcast von Radio Eins 1929 -Das Jahr Babylon glauben darf.
Mehr zu Babylon Berlin gibt es auch im Charakterneurosen-Podcast zu hören!
Die Simpsons: Bart
-
Unaufmerksamkeit, z.B. Flüchtigkeitsfehler, Ablenkbarkeit, Schwierigkeiten zuzuhören, geringes Durchhaltevermögen bei als uninteressant erlebten Tätigkeiten
-
Hyperaktivität, z.B. Zappeln mit Händen und Füßen, Herumspringen und –klettern in Situationen die Stillsitzen erfordern, allgemein lautes Verhalten, Schwierigkeiten sich ruhig zu beschäftigen
-
Impulsivität, z.B. Unterbrechen oder stören anderer, Gesteigerter Redebedarf ohne Rücksicht auf soziale Konventionen, Ungeduld, Unfähigkeit zum Aufschieben eigener Bedürfnisse
-
Störungen des Sozialverhaltens, z.B. Missachten von Regeln, Verweigerung gegenüber Forderungen von Autoritäten, Unüberlegtes Handeln, das andere ärgert, Lügen um Strafen oder Verpflichtungen zu umgehen, Zerstörung fremden Eigentums
Flesh and Bone: Claire
Das Titelbild der Starz-Miniserie zeigt eine dünne, fast nackte Tänzerin in düsterer, ebenso fast nackter Umgebung. Der Titel lautet Flesh and Bone. Setting ist das Ballett. Man muss nicht allzu kreativ sein, um sich auszumalen, dass es um Leistungsdruck, Selbstwertprobleme, Essstörungen und sexuellen Missbrauch gehen wird. Claires posttraumatische Belastungsstörung zeigt sich in Form der folgenden, charakteristischen Symptome:
-
Sie erlebt eine starke innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ähneln oder damit in Zusammenhang stehen. Am offensichtlichsten ist dies bei Kontakt zu ihrem Bruder, dem Täter. Aber auch in anderen Situationen, in denen sich ihr Männer ungefragt oder unerwartet körperlich annähern, wie zum Beispiel ihr Tanzlehrer, Tanzpartner oder der Hauptsponsor des Balletts, fühlt sie sich sichtlich sehr unwohl.
-
Folglich versucht sie, entsprechende Situationen zu vermeiden. Sie bleibt gegenüber Männern distanziert und scheint keine Freude daran zu haben, sich verführerisch zu kleiden oder zu flirten.
-
Sie zeigt deutliche Symptome chronisch erhöhter psychischer Erregung, wie Hypervigilanz (erhöhte Wachsamkeit) und Schreckhaftigkeit (insbesondere bei Berührungen und im Kontakt mit Männern) sowie Einschlafstörungen.
Drei weitere Aspekte von Claires posttraumatischer Belastungsstörung sind zwar für die Diagnosestellung nicht erforderlich, aber dennoch interessant genug, um eigens thematisiert zu werden.
Into the Badlands: Trauma als Chance
Die erste Staffel von Into the Badlands scheint erst der Auftakt zu einer längeren Geschichte zu sein und lässt uns über die weitere Handlung und die tieferen Themen, zugunsten des Schwerpunkts auf Ästhetik und Martial Arts-Action, zunächst noch im Unklaren.Wohin die Reisen von Sunny und M.K. in Into the Badlands führen werden, wissen wir noch nicht – die erste Staffel scheint eher dem Zweck zu dienen uns klar zu machen, woher, sprich: Aus welcher äußeren und inneren Situation, die beiden kommen. Die Welt von Into the Badlands ist eine Welt des Traumas, wie uns bereits im Intro der ersten Folge vermittelt wird: Die Kriege liegen so lange zurück, dass sich niemand mehr an sie erinnert. Dunkelheit und Angst regierten das Land… Diese Welt wurde auf Blut errichtet. Hier ist niemand mehr unschuldig.
- Sunny ist ein Waisenkind und Kindersoldat, der bereits als Knabe töten musste um nicht selbst getötet zu werden und bis heute unzählige Male dazu gezwungen war.
- Gleiches gilt für Quinn.
- M.K. wurde entführt, seine Angehörigen ermordet.
- Auch Ryder wurde entführt und dabei noch gefoltert.
- Tilda wurde sexuell missbraucht.
- Veil verliert ihre Eltern auf brutale Weise.
True Detective: Ani
Starke weibliche Hauptrollen sind in Mainstreamfilmen und -serien rar gesät. Antigone „Ani“ Bezzerides aus der zweiten Staffel von True Detective bildet hier eine rühmliche Ausnahme.
- Verdrängung: Als Verdrängung wird das (vollständige oder teilweise) Vergessen des Erlebten bezeichnet. Ani scheint sich zwar zu erinnern, dass sie als Kind in der Kommune ihres Vaters sexuell missbraucht worden ist, die Details der Erinnerung scheinen aber zunächst verdrängt zu sein.
- Reaktionsbildung: In der Missbrauchssituation hat sich Ani wehrlos und schwach erlebt. Als Erwachsene arbeitet sie hart daran, sich immer genau gegenteilig zu fühlen. Das nennt die Psychologie Reaktionsbildung. Sie trainiert hart, trägt immer Messer bei sich, ist eher aggressiv als ängstlich. Auch ihre Berufswahl (Polizistin) lässt den Wunsch nach Stärke und Selbstsicherheit erkennen. Über ihre sexuellen Vorlieben erfahren wir nichts genaues, es wird aber in der ersten Folge angedeutet, dass sie auch hier in der Lage ist, ihren Sexualpartner ziemlich einzuschüchtern.
- Projektion: Wir wissen nicht genau, inwieweit Anis Sorge um ihre in der Erotikbranche tätige Schwester berechtigt ist. Sollte es so sein, wie ihre Schwester behauptet, dass sie nämlich selbstbestimmt nur das tut, was sie möchte, könnte Anis Sorge um sie zum Teil eine Projektion sein. Das bedeutet, Ani überträgt ihr eigenes Gefühl, Opfer von sexueller Gewalt geworden zu sein, auf ihre Schwester und kann dann versuchen, diese zu beschützen, nun da sie eine toughe Polizistin ist, während sie sich selbst als kleines Mädchen nicht schützen konnte.
- Sensation Seeking: So nennt man Verhaltensweisen, die zum Ziel haben, ständig starke äußere Reize zu erzeugen um dadurch die Situation zu vermeiden, dass sich die Aufmerksamkeit nach innen und damit möglichen schmerzhaften Gefühlen oder Erinnerungen zuwendet. In Anis Fall sorgt sie durch Trinken, Rauchen, exzessives Arbeiten und Sex dafür, möglichst nicht zu Ruhe zu kommen.
Terminator 2: Sarah Connor
Sarah Connor gilt, insbesondere in Terminator 2 – Tag der Abrechnung, als eine der stärksten weiblichen Heldenfiguren des Actionkinos. Dennoch befindet sie sich zu Beginn des Films in einer überaus hilflosen Lage, nämlich zwangseingewiesen in einer geschlossenen forensischen Psychiatrie.
- Symptomen einer Schizophrenie, z.B. Wahn und
- Symptomen einer Affektiven Störung, also entweder
- einer Depression (gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Antriebsminderung) oder
- einer Manie (situationsunangemessen gehobene Stimmung, Gereiztheit, Antriebssteigerung, Größenwahn)
- Ein Erlebnis von außergewöhnlicher Bedrohung, z.B. von einem Terminator gejagt und mehrfach fast getötet zu werden
- Anhaltende Erinnerungen an das traumatische Erlebnis oder wiederholtes Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen, z.B. Tagträume vom Ende der Welt
- Innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ähneln oder damit in Zusammenhang stehen, z.B. unverhofft auf der Flucht aus dem Krankenhaus auf genau das Terminator-Modell zu treffen, von welchem man gejagt und mehrfach fast getötet wurde
- Erhöhte psychische Sensitivität und Erregung, z.B. Gereiztheit, Schreckhaftigkeit, erhöhte Wachsamkeit, Impulsivität…





